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antriebstechnik 6/2026

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FORSCHUNG UND

FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG SAFETY UND SECURITY VON DER PFLICHT ZUR KÜR: NEUE REGELN FÜR SICHERE ANTRIEBSTECHNIK Sicherheit ist längst keine isolierte Komponenteneigenschaft mehr, sondern entsteht aus dem Zusammenspiel von Hardware, Software und Architektur. Mit den neuen regulatorischen Vorgaben der Maschinenverordnung und des Cyber Resilience Acts gewinnt diese systemische Sichtweise zusätzlich an Bedeutung. Gerade in der Antriebstechnik sollten Konstrukteure dies schon früh berücksichtigen. Die regulatorischen Rahmenbedingungen für elektrische Antriebe verändern sich derzeit tiefgreifend. Mit der Maschinenverordnung (EU) 2023/1230 (MVO), die ab Januar 2027 verbindlich gilt, sowie dem Cyber Resilience Act (CRA) rücken sicherheitsrelevante Software, Vernetzung und Produkt-Lifecycle-Fragen stärker in den Fokus der Marktaufsicht. Für Antriebshersteller bedeutet dies eine neue Qualität regulatorischer Verantwortung: Sicherheitsfunktionen müssen funktional korrekt, aber auch robust gegenüber Softwarefehlern, Fehlparametrierung und Manipulation sein. Zugleich verlangt der CRA ein strukturiertes Management von Schwachstellen, Updates und Security-Risiken über den gesamten Produktlebenszyklus. Diese Anforderungen müssen nicht primär durch zusätzliche Softwarefunktionen im Antrieb adressiert werden. Vielmehr eröffnet eine bewusste Safety-Architektur, die zwischen Enginee- Samira Krause, Chief Marketing Officer, DINA Elektronik GmbH, Wolfschlugen ring-Software und laufzeitkritischer Sicherheitsfunktion trennt, einen praktikablen Weg. Anhand der Safety-Lösungen von Dina Elektronik wird später dargestellt, wie Antriebshersteller regulatorische Risiken reduzieren und gleichzeitig robuste Sicherheitsfunktionen realisieren können. DER WANDEL DER ANTRIEBSTECHNIK Elektrische Antriebe haben sich grundlegend gewandelt. Was früher primär als Leistungs- und Regelkomponente galt, ist heute ein hochintegriertes, softwaregeprägtes System. Moderne Antriebe vereinen komplexe Regelungs- und Diagnosealgorithmen, umfangreiche Firmware-Architekturen, Feldbus- und Ethernet- Kommunikation sowie zunehmend integrierte Sicherheitsfunktionen. Sie werden über ihren Lebenszyklus durch Firmware-Updates, funktionale Erweiterungen und Security-Patches kontinuierlich weiterentwickelt. Dies ermöglicht höhere Effizienz, bessere Diagnosefähigkeit und flexible Integration - führt aber zu wachsender Abhängigkeit sicherheitsrelevanter Funktionen von Software, Parametrierung 38 antriebstechnik 2026/06 www.antriebstechnik.de

FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG und digitalen Kommunikationsstrukturen. Sicherheit wird damit zu einer systemischen Eigenschaft, die aus dem Zusammenspiel von Hardware, Software, Kommunikation und Architektur entsteht - insbesondere vor dem Hintergrund neuer Regulatorik. REGULATORISCHER RAHMEN Maschinenverordnung: Die MVO ersetzt ab Januar 2027 die bisherige Maschinenrichtlinie und verschärft die Sicherheitsanforderungen. Als unmittelbar geltende Verordnung adressiert sie explizit den gestiegenen Einfluss von Software, Vernetzung und digitalen Funktionen. Zentrale Schwerpunkte sind die Berücksichtigung von Software als sicherheitsrelevantem Bestandteil, der Schutz sicherheitsrelevanter Steuerungen vor Korrumpierung, die Beherrschung digitaler Fehlerszenarien sowie erhöhte Erwartungen an die Zuverlässigkeit von Sicherheitsfunktionen über den gesamten Lebenszyklus. Nicht nur das Was einer Sicherheitsmaßnahme zählt, sondern zunehmend das Wie ihrer technischen Realisierung. Cyber Resilience Act: Der CRA etabliert erstmals einen einheitlichen, verbindlichen Rahmen für die Cybersicherheit von Produkten mit digitalen Elementen über deren gesamten Lebenszyklus. Sicherheit ist hier kein einmalig zu erreichender Zustand, sondern eine dauerhafte Verpflichtung des Herstellers. Kernanforderungen sind „Security by Design“, strukturiertes Vulnerability-Management, die Bereitstellung von Security-Updates sowie transparente Melde- und Informationsprozesse. Je stärker Sicherheitsfunktionen in der Antriebssoftware implementiert sind, desto größer wird der CRA-Scope des Produkts. DIE REALITÄT BEI ANTRIEBSHERSTELLERN In modernen Antriebssystemen werden sicherheitsrelevante Funktionen zunehmend direkt in der Firmware realisiert - typische Beispiele sind sichere Drehzahlüberwachung (SLS), sicherer Stillstand (STO), Drehrichtungsüberwachung (SDI) oder sicherheitsgerichtete Logik im Zusammenspiel mit Feldbus-Safety-Systemen. Diese Funktionen basieren häufig auf encoder- oder modellbasierten Berechnungen und greifen auf interne Regelungs-, Diagnose- und Kommunikationsfunktionen des Antriebs zu. Änderungen an Regelungsalgorithmen, Parametrierkonzepten oder Kommunikationsschnittstellen können so - direkt oder indirekt - Auswirkungen auf sicherheitsrelevante Funktionen haben, was Entwicklung, Validierung und Pflege erheblich verkompliziert. ZIELKONFLIKTE ZWISCHEN SAFETY, SECURITY UND PRODUKTPFLEGE Der CRA fordert regelmäßige Security-Updates; funktionale Sicherheit verlangt dagegen Stabilität, Nachvollziehbarkeit und verifizierbares Verhalten. So müssen sicherheitsrelevante Funktionen bei Firmware-Updates erneut bewertet werden, selbst wenn sich ihre funktionale Auslegung nicht bewusst geändert hat. Besonders bei Antriebsplattformen mit langen Produktlebenszyklen, hoher Variantenvielfalt und weltweitem Einsatz entsteht daraus erheblicher Aufwand in Entwicklung, Dokumentation, Validierung und Zertifizierung. LÖSUNGSANSÄTZE AUF ARCHITEKTUREBENE 01 02 01 In der Praxis müssen sicherheitsrelevante Funktionen bei Firmware-Updates erneut bewertet werden 02 Moderne Antriebe vereinen komplexe Regelungs- und Diagnosealgorithmen, umfangreiche Firmware-Architekturen, Feldbus- und Ethernet-Kommunikation sowie zunehmend integrierte Sicherheitsfunktionen Ein zentraler Ansatz besteht in der klaren Trennung zwischen der Phase, in der Sicherheitsfunktionen ausgelegt, parametriert und verifiziert werden, und dem späteren Betrieb im Feld. Noch robuster lässt sich dieses Prinzip umsetzen, wenn sicherheitsrelevante Funktionen in eigenständigen, software-stabilen Safety- Systemen außerhalb der updategetriebenen Antriebssoftware liegen. So wird vermieden, dass Firmware-Änderungen, Kommunikationsschnittstellen oder Security-Patches unbeabsichtigt das Sicherheitsverhalten beeinflussen. Der Einsatz von Software zur Parametrierung ist dabei nicht grundsätzlich problematisch - entscheidend ist, ob sicherheitsrelevantes Verhalten im Betrieb veränderbar ist. BEISPIELE FÜR LÖSUNGEN SafeOne - physikalisch unabhängige Überwachung. Die SafeOne-Produktfamilie adressiert eine zentrale Herausforderung moderner Antriebssysteme: die zunehmend softwarebasierte Ableitung sicherheitsrelevanter Bewegungs- und Zustandsgrößen. SafeOne ermöglicht eine sensorlose, sicherheitsgerichtete Überwachung von Drehzahl, Stillstand und Drehrichtung auf Basis elektrischer Größen sowie eine sichere Phasen- und Spannungsüberwachung des 3-Phasen-Systems. Beide Funktionsbereiche arbeiten unabhängig von der Antriebssoftware. Die Sicherheitsfunktion wird in der Engineering- und Inbetriebnahmephase softwarebasiert parametriert und anschließend statisch und deterministisch ausgeführt. Im Betrieb ist sie weder updategetrieben noch über Netzwerkschnittstellen beeinflussbar. Charakteristisch sind: n softwarebasierte Parametrierung ausschließlich in der Engineering- und Inbetriebnahmephase www.antriebstechnik.de antriebstechnik 2026/06 39