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antriebstechnik 9/2018

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04 Blick in die

04 Blick in die Produktion im polnischen Slubice SUMMER OF ENGINEERING 05 Die Montage der Drehgeber erfolgt zwar manuell, aber nach voll automatisierten Anweisungen 06 Dr. Michael Löken erklärt die Unterschiede zwischen optischen und magnetischen Drehgebern Fehlentscheidungen und verpasste Chancen in anderen Bereichen für den rapiden Abstieg des Unternehmens. 1993 erfolgte die entscheidende Wende: Dr. Achim und Christian Leeser und Axel Wiemann, Leiter der Drehgebersparte von Fraba, übernahmen die Firma mit ihren noch 110 verbliebenen Mitarbeitern. „Mein Bruder und ich kamen aus dem Beratungsgeschäft. Wir wollten ein Unternehmen kaufen und es komplett neu gestalten. Nur marode musste es sein, da wir kein Geld hatten“, erinnert sich Christian Leeser 25 Jahre zurück. Die Brüder hatten dabei eine klare Vorstellung von einer Organisation: „Wir wollten Mitarbeitern nicht ihre Grenzen aufzeigen, sondern ihnen zeigen, dass sie mehr schaffen können, als sie sich selbst zutrauen. So stießen wir dann auf die Fraba, bei der unser Vater als freier Handelsvertreter lange aktiv war, und starteten mit der Umstrukturierung unseres neuen Unternehmens.“ Aber es sollte für die drei Gründer der nun entstandenen Fraba- Gruppe nicht einfach werden, ihre gemeinsame Mission und Leitprinzipien umzusetzen, zu sehr war das Unternehmen geschwächt. „Die verbliebenen Mitarbeiter waren demoralisiert, die Räumlichkeiten marode – eigentlich war alles platt! So mussten wir in den ersten vier Jahren heftig ums Überleben kämpfen, mussten Teilbereiche verkaufen, umziehen und haben letztlich auch durch Glück diese Zeit überstanden“ erzählt Christian Leeser. Ihre vier Kernwerte „Kompetenz“, „vollständige Information“, „faires Geben und Nehmen“ und „dynamische Entwicklung“ ließ sich nur allmählich in die DNA des Unternehmens einbringen. Der endgültige Start in die neue Ära gelang im Jahr 1998 mit der erfolgreichen Konsolidisierung des Drehgebergeschäfts und profitablem Wachstum. Fraba beschäftigte damals 50 Mitarbeiter. Weiteres Wachstum, neue Mitarbeiter und neue Produkte kamen schnell hinzu. „Aber ein ganz wichtiger Schritt fehlte uns noch zur endgültigen Umsetzung: Wir wollten unser bis dahin handwerkliches Geschäftsmodell in ein komplett digitalisiertes, zukunftsfähiges System umwandeln, um uns skalierbar und vor allem global aufstellen zu können“, erinnert sich Christian Leeser. Mit der Eröffnung des Fertigungswerkes im polnischen Slubice, der Computerisierung der Fertigungsprozesse, der Implementierung eines neuen Internet-basierenden EDV-Systems und der Gründung der Entwicklungsgesellschaft am Standort Aachen hat Fraba die grundlegende und zukunftsweisende Strukturänderungen erfolgreich einführen können. 05 06 60 antriebstechnik 9/2018

SPIELFREUDE IMMER DABEI „Wir wollten in unserer Firma immer etwas Besonderes machen, durchaus Risiken eingehen und vor allem polarisieren, denn unsere Erfahrungen aus der Beraterzeit zeigten, dass das Engagement junger Mitarbeiter oftmals in großen Unternehmen schwindet“, erklärt Christian Leeser. Seine Antwort war: Spielfreude! „Diese macht heute unsere Prozesse aus. Spielfreude ist eine Situation, in der eine Gruppe von Menschen auf ein Ziel gerichtet auf einem Leistungsniveau zusammenarbeitet, das höher ist als 100 % von dem, was man glaubt erreichen zu können. Kein Mitarbeiter braucht dabei Angst zu haben, Fehler zu machen. Wir alle befinden uns in einem Spiel, in dem jeder im Team alles für den gemeinsamen Sieg tut und hochmotiviert ist.“ Und dabei ist dem Geschäftsführer klar, dass sich ein solches Konzept nicht einfach vorschreiben lässt, sondern nur die Basis dafür geschaffen werden kann, damit Spielfreude entsteht und wächst. Etwas Besonderes hat die Fraba dann schließlich auch mit ihrem neuen und ungewöhnlichen Standort in der Kölner Innenstadt geschaffen. Die Lage und die Büroräume sind so ausgelegt, um neue Mitarbeiter zu rekrutieren, die längst in der digitalen Arbeitswelt angekommen sind. So konkurriert man nicht mehr mit dem Wettbewerb im alten Industrieumfeld, sondern eher mit Digitaldienstleistern, denen man durchaus schon einige Talente entlocken konnte. Auch die Firmensprache Englisch trägt sicherlich dazu bei, dass junge talentierte Mitarbeiter ein Auge auf Fraba als Arbeitgeber werfen. „An erster Stelle stehen aber unsere Kernwerte, die vom Management genauso wie von den Mitarbeitern bedingungslos eingefordert werden können. Unsere Informationspolitik ist so offen, dass jeder Mitarbeiter Zugang zu allen Informationen hat, selbst bis zu Gehaltsliste der Kollegen und Führungskräfte“, so Christian Leeser. Mit dieser Offenheit – Open Book Policy genannt – will man nicht nur Mitarbeiter halten, sondern gezielt, ohne Widerstände, anspornen und motivieren. „Wir glauben, dass die Organisation am leistungsfähigsten ist, wenn alle Informationen ohne Widerstände dahin fließen, wo sie genutzt werden und jeder einzelne viel mehr weiß, als es in vielen anderen Unternehmen der Fall ist. Oberste Aufgabe für jeden Mitarbeiter ist es, sich in diesem System und für sein Themengebiet überflüssig zu machen. Die Geschäftsleitung hat dafür zu sorgen, dass niemand dadurch einen Nachteil erfährt, sondern dafür belohnt wird“, ist sich Christian Leeser sicher. VOLLAUTOMATISIERT ZU LOSGRÖSSE 1 Das Spiel endet bei Posital Fraba nicht bei den Mitarbeitern. Es greift, wenn es um den wirtschaftlichen Erfolg und um die Entwicklung neuer Technologien und Geschäftsprozesse geht. Mass Customization, der Produktfinder und die Einführung magnetischer Multiturn-Drehgeber – statt optischer Systeme – sind die wesentlichen Eckpunkte dabei. „Als wir die Produktion von Köln nach Slubice verlagert haben, war unser Ziel, eine komplette Standardisierung und Digitalisierung der Fertigung zu realisieren“, erinnert sich Jörg Paulus, Deutschland- und Europachef bei Posital Fraba. Basis dafür bildete ein bis heute modular aufgebauter Encoder-Baukasten, mit dem sich über 1 Mio. unterschiedlicher Sensorvarianten realisieren lassen. Der Kunde kann sich online über den Produktfinder aus über 3 000 erfassten Bauteilen in kürzester Zeit seinen optimal konfigurierten Drehgeber generieren. Verfügbarkeit und sogar der Preis wird 07 Der Wiegand-Draht ist das Herzstück der magnetischen Multiturn-Drehgeber gleich mit ausgegeben. In Zukunft soll auch das Ersatzteilgeschäft darüber abgewickelt werden. Dafür wird das Angebot der Marktbegleiter digitalisiert und der Kunde kann über eine Cross-Reference das zu seiner Applikation passende, adäquate Fraba-Produkt finden und bestellen. „Hiermit tragen wir den Anforderungen der Maschinenbauer nach maßgeschneiderten Produkten, kleinsten Losgrößen und einer schnellen Lieferung Rechnung. Durch Mass Customization schaffen wir es, dass der Kunde innerhalb von nur drei Tagen sein Produkt auf dem Tisch liegen hat, mit Express sogar innerhalb von 24 Stunden“, erklärt Jörg Paulus. Jährlich verlassen so mehr als 5 000 verschiedene Encoder­ Varianten das polnische Werk mit seinem einzigartigen Fertigungskonzept. Gesteuert wird die Fertigung vollautomatisch. Der Mitarbeiter erhält den Auftrag über sein Tablet und führt ihn Schritt für Schritt durch – geführt von Piktogrammen und klaren Arbeitsanweisungen. „Wir benötigen daher in Sublice keine Facharbeiter, sondern können sogar neue Mitarbeiter innerhalb von zwei Wochen in alle Abläufe der Produktion einarbeiten, weil das gesamte Auftragswesen lückenlos digitalisiert ist. Wir haben einen Weg gefunden, bei dem wir die Intelligenz der Fertigung aus den Köpfen der Mitarbeiter in unser System bringen konnten“, so Jörg Paulus. EIN FAST MAGISCHER PROZESS Von der Kölner Innenstadt machen wir uns nun auf die Fahrt nach Aachen. Dort betreibt Posital Fraba seit 2011 sein Entwicklungszentrum für elektronische und mechanische Produkte innerhalb der Industrieautomation. Heute arbeiten hier 40 Ingenieure und Techniker aus 20 Nationen, um innovative Produkte und fortschrittliche Technologien zu entwickeln. „Der Standort ist nicht zufällig gewählt, bietet Aachen doch mit seinen technischen Hochschulen die idealen Voraussetzungen, um die besten Ingenieure für unser Unternehmen zu finden.“, freut sich Dr. Michael Löken, Leiter des Entwicklungszentrums, als er uns durch die Räume führt. Und auch hier entdecken wir wieder das schon bekannte Hotelkonzept – bis auf einen Raum: Über ein ausgeklügeltes Spulensystem windet sich der dünne Draht durch die Maschine. Für das Auge ist es kaum erkennbar, aber der aus der Legierung Vicalloy bestehende Draht hat seine 08 Ingenieure arbeiten im Fraba-Entwicklungszentrum in Aachen an Verbesserungen der Produkte antriebstechnik 9/2018 61

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