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antriebstechnik 7/2018

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Keine Chance für Keime

Keine Chance für Keime Hygienegerechte Servotechnik für Steril- und Nassbereiche In der elektrischen Antriebstechnik gehört die Wittenstein SE zu den Pionieren im Bereich Hygiene Design. Bereits auf der Hannover Messe 2013 hat das Tochterunternehmen Wittenstein Alpha mit der Produktfamilie HDV die weltweit ersten, von der EHEDG zertifizierten, spielarmen Planetengetriebe im Hygiene Design präsentiert. Seitdem hat sich die Baureihe im Umfeld der Lebensmittelverarbeitung, der Getränkeabfüllung oder der Herstellung pharmazeutischer Produkte etabliert – u. a., weil Maschinenbauer und Betreiber davon profitieren, dass sich das HDV als Plug-&- Play-Antriebseinheit ohne weitere konstruktive Maßnahmen hygienegerecht in offene Maschinenstrukturen integrieren lässt. Doch dies ist nur ein Grund, weshalb Servotechnik im Hygiene Design mehr als nur ein Nischenmarkt ist. Verbraucherverhalten treibt ebenso wie ... Wieso liegt hygienegerechte Antriebstechnik zunehmend im Trend, was bedeutet Hygiene Design in der gerätetechnischen Umsetzung, welche Performance-, Prozess- und Produktrisiken können vermieden werden und welche Lösungen bietet das Produktportfolio der Firma Wittenstein? Verantwortlich für die verstärkte Nachfrage nach Automatisierungskomponenten im Hygiene Design im Allgemeinen und nach hygienegerechter Servoantriebstechnik im Besonderen sind zum einen die sich wandelnden Verbrauchergewohnheiten und auch der demographische Wandel. Dies führt zu einer stärker individualisierten Nachfrage, z. B. in Form unterschiedlicher Packungsgrößen für Single- und Familienhaushalte, einem zunehmenden Angebot an Convenience- wie auch an Bio-Produkten oder einem stetig steigenden Spektrum portionsverpackter Lebensmittel weit über Wurst- und Käseaufschnitt hinaus. Nachgefragt werden zudem immer hochwertigere Produkte, gerne auch mit längerer Haltbarkeit. All dies erfordert die Ausführung von Produktions-, Verarbeitungs- und Verpackungsanlagen nach Hygiene-Design- Richtlinien, um eine hohe Prozess- und Produktsicherheit beim Verarbeiten und Verpacken von Fleisch-, Fisch- und Wurstwaren, von Molkereiprodukten und bei der Abfüllung von flüssigen Lebensmitteln und Getränken zu gewährleisten. ... maschinenbauliche und wirtschaftliche Aspekte Carolin Ank ist Produktmanagerin bei der Wittenstein Cyber Motor GmbH in Igersheim und Manuel Peter ist Leiter Produktmanagement Getriebe & Anwendungen bei der Wittenstein Alpha GmbH in Igersheim Gleichzeitig zum sich stetig verändernden Verbraucherverhalten und zur Vermeidung von Produktrisiken setzen sich bei der Auslegung von Maschinen, z. B. für die Lebensmittel- und Getränkeindustrie, ver­ 42 antriebstechnik 7/2018

SPECIAL I ANTRIEBSTECHNIK FÜR DIE PROZESSINDUSTRIE stärkt offene Maschinenkonzepte durch. Bislang wurden nicht hygienegerechte Antriebseinheiten – um sie vor der Bildung von Keimen und Mikroorganismen nach einem Produktaustritt oder der Nassreinigung zu schützen – eingehaust oder sogar gekapselt. Heute fordern die Maschinenbauer hygienegerechte Komponenten, die sich ohne zusätzliche konstruktive Maßnahmen auf einfache Weise integrieren und warten lassen. Dies hat sowohl technische als auch wirtschaftliche Gründe. So ist das Einhausen von Antrieben als Schutz vor einer eventuellen Kontamination trügerisch. Es können sich unter einer Abdeckung unbemerkt Feuchtigkeitsnebel, Ablagerungen und Schmutznester bilden. Sie bilden einen optimalen Nährboden für die Vermehrung von Mikroorganismen und können zu Produktkontaminationen im späteren Produktionsprozess führen. Zudem besteht das Risiko, dass Reinigungsdämpfe in das Schutzgehäuse eindringen und zu Korrosionsbildung an den Antriebskomponenten führen. Die im Betrieb zusätzlich entstehende Stauwärme unter der Einhausung birgt langfristig die Gefahr von Lagerschäden und Leckagen. Dies kann zu einer verkürzten Lebensdauer der Antriebe und somit einer geringeren Anlagenverfügbarkeit führen – und die Wirtschaftlichkeit beeinträchtigen. Darüber hinaus stellen die Fertigung einer Einhausung sowie ihr Montageaufwand für den Maschinenbauer einen vermeidbaren Kostenfaktor dar. Schließlich kommt bei der Abnahme der Maschine erschwerend hinzu, dass eine solche Schutzlösung, die unter Hygienegesichtspunkten nicht zertifizierbar ist, einen erheblichen Mehraufwand generiert, wenn sie in eine durchgängig im Hygiene Design ausgeführte Anlage integriert werden soll. Nicht ganz unwichtig ist zu guter Letzt der Design-Faktor: Durch die Materialauswahl und die konstruktiven Vorgaben geben die fast „zwangsläufig“ formschönen Hygiene-Design-Antriebslösungen in offenen Maschinenstrukturen fast immer ein besseres Bild ab als kantige Schutzgehäuse oder Kapselungen. Hygiene Design folgt Normen, Richtlinien und Empfehlungen Die gerätetechnischen Anforderungen an ein hygienegerechtes Design sind vielschichtig und folgen einer Reihe von Normen, Richtlinien und gesetzlichen Vorgaben. So legt zum einen die Maschinenrichtlinie 2006/42/EG wichtige Grundlagen 01 Bereits 2013 hat Wittenstein die ersten, von der EHEDG zertifizierten Planetengetriebe im Hygiene Design präsentiert hinsichtlich der Notwendigkeit und der Ausgestaltung des hygienischen Designs von Maschinen- und Automatisierungskomponenten. Unbedingt zu beachten sind zudem die Empfehlungen bzw. Vorgaben der EHEDG. Diese ist eine Expertengemeinschaft von Maschinen- und Komponentenherstellern, Fachleuten aus der Nahrungsmittelindustrie sowie von Forschungsinstituten und Gesundheitsbehörden. Ihr Ziel ist es, das Bewusstsein für Hygiene bei der Verarbeitung und Verpackung von Nahrungsmitteln zu stärken. Schließlich geben eine Reihe relevanter Normen, Richtlinien und gesetzliche Vorgaben den rechtlichen Rahmen für die Entwicklung und Inverkehrbringung hygienegerechter Produkte vor. Bereits bei der Entwicklung von Hygiene-Design-Produkten greifen bspw. die Gestaltungsanforderungen, wie sie in der B-Norm DIN EN ISO 14159:2008-07 für Maschinen mit Hygienerisiken generell und in der C-Norm DIN EN 1672-2: 2005+A1 speziell für Nahrungsmittelmaschinen festgelegt sind. Die gesetzlichen, hygienerechtlichen Vorgaben, die neben der Maschinenrichtlinie und den EHEDG-Empfehlungen bei der Markteinführung und Inverkehrbringung von Produkten maßgeblich sind, sind die VO 1935/2004/EG über Materialien und Gegenstände, die bestimmungsgemäß mit Lebensmitteln in Berührung kommen. Die Wittenstein-Gruppe hat in den vergangenen Jahren eine besondere Hygiene- 02 Das HDP + mit Abtriebsflansch setzt Maßstäbe im Hinblick auf Positioniergenauigkeit und Leistungsdichte Verantwortlich für die verstärkte Nachfrage nach hygienegerechter Servoantriebstechnik sind die sich wandelnden Verbrauchergewohnheiten. Carolin Ank Design-Kompetenz aufgebaut und weiß – zumal als Mitglied der EHEDG – worauf es bei der hygienegerechten Entwicklung und Auslegung von Getrieben, Servomotoren und Kleinantriebssystemen ankommt und hat dieses Know-how in vollem Umfang berücksichtigt und industriegerecht umgesetzt. Was bedeutet Hygiene Design im Antrieb? Hygiene-Design-Komponenten werden vor allem in Steril- und Nassbereichen eingesetzt. Das bedeutet, dass sie dort zum einen dem Austritt eines Prozessmediums ausgesetzt sein können, z. B. bei einer Leckage in der Rohrleitung oder Überfüllung eines Pufferbehälters. Darüber hinaus unterliegen sie regelmäßigen Reinigungsund Desinfektionsprozessen, bei denen z. B. chlorhaltige Schaumreiniger und Desinfektionsmittel zum Einsatz kommen. Daher ist die Auswahl medienbeständiger Materialien und bei Bedarf deren zusätz liche Bearbeitung erforderlich. Aus diesen Grün- antriebstechnik 7/2018 43

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