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antriebstechnik 4/2015

antriebstechnik 4/2015

WÄLZ- UND GLEITLAGER

WÄLZ- UND GLEITLAGER „Die Industrie im Fokus“ Ist Indien auf dem Weg zum Industrieland? – Ein aus dem Englischen übersetztes Interview mit Schaeffler-Managern neues Werk in Savli. Dort produzieren wir Generation-C-Kugellager, unter andere für die heimische Zweiradindustrie, aber auch Großlager für Windkraftanlagen – nach denselben Qualitätsstandards, die auch für jedes Schaeffler-Werk in Europa gelten. Damit konnten wir bislang mehr als 160 Arbeitsplätze schaffen. Indien, Partnerland der Hannover Messe 2015, will künftig den Industriesektor deutlich stärken. Damit eröffnet sich für den Maschinenbau ein neuer großer Markt. Wir sprachen mit den Schaeffler-Managern Dharmesh Arora und Rajendra Anandpara. Wo steht Indien in seiner wirtschaftlichen Entwicklung? Arora: Indien hat großes Entwicklungspotenzial. Das war schon lange so, wurde aber in der Vergangenheit nicht voll erschlossen. In den letzten Jahren ist die indische Wirtschaft zwar mit einstelligen Raten gewachsen, aber erst seit dem die neue Regierung Mitte 2014 im Amt ist, herrscht wieder Aufbruchsstimmung. Wirtschaft und Investitionen stehen im Zentrum des Regierungsinteresses. Das gibt uns allen die Zuversicht, dass wir das Potenzial, das dieses Land besitzt, auch realisieren können. Ohne Zweifel ist Indien für seine Stärke in der IT-Branche bekannt. Wir haben damit bewiesen, dass Indien dazu in der Lage ist, international wettbewerbsfähige Technologie zu liefern. Nun gilt es, diese Markenwerte auf den Fertigungssektor zu übertragen. Wird Indien künftig ein Industrieland? Arora: Der starke Fokus auf den Industriesektor, den die Regierung Modi setzt, ist sehr positiv zu bewerten – nicht nur für Schaeffler, sondern für das gesamte Land. Wenn es darum geht, jedes Jahr 6 bis 8 Mio. neue Arbeitskräfte aufzunehmen, ist dazu nur die Industrie in der Lage. Anandpara: Ein konkretes Beispiel dafür: Wir haben in den vergangenen Jahren rund 150 Mio. Euro in Indien investiert, u.a. in ein 01 Dharmesh Arora ist CEO von Schaeffler Indien Wie können Sie als deutschstämmiges Maschinenbau-Unternehmen davon profitieren? Arora: Zunächst einmal ist Schaeffler seit 1962 in Indien aktiv. Mit unseren fünf Standorten im Land, geführt von einem indischen Management, dürfen wir uns zu Recht als indisches Unternehmen bezeichnen. Anandpara: Wir profitieren sehr von den Investitionen in die Infrastruktur und die Förderung der heimischen Produktion. Das beginnt bei den Grundstoffen: Mit einem Ausstoß von ca. 100 Mio. Tonnen Stahl ist Indien heute bereits der zweitgrößte Stahlproduzent der Welt. Bis zum Jahr 2020 soll sich die Kapazität verdoppeln, bis 2025 sogar verdreifachen. In den Walzwerken kommen bereits in der Erstausrüstung oft Lager von Schaeffler zum Einsatz. Großes Potenzial verspricht nun das Ersatzteil- und Service-Geschäft. Wir stellen dabei die maximale Verfügbarkeit der Anlagen sicher. Dieses Modell wollen wir auch auf andere Prozessindustrien übertragen. Die Urbanisierung ist in Indien in vollem Gang. Was kann Schaeffler dazu beitragen, die daraus resultierenden Probleme zu lösen? Anandpara: Für alle stark wachsenden Metropolen bedeutet die Mobilität eine große Herausforderung. Die ist nur durch einen Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs zu meistern. Und das passiert bei uns derzeit: Wenn Sie auf dem internationalen Flughafen in Delhi landen, sind Sie mit der Metro in weniger als einer halben Stunde auf dem Connaught Place, mitten in der Stadt. Die Radsätze der Bahnen, ein zentrales Konstruktionselement, stammen von Schaeffler. Aber man darf auch nicht vergessen: Ein guter Teil unseres Wachstums rührt aus der Entwicklung kleiner Dörfer, wo sich die Lebensbedingungen ebenfalls verbessern und damit die Ansprüche ebenfalls steigen. 98 antriebstechnik 4/2015

WÄLZ- UND GLEITLAGER Wie entwickeln sich denn die Kompetenzen im klassischen Maschinenbau? Anandpara: Der indische Maschinenbau ist, ähnlich wie der deutsche, sehr stark von Familienunternehmen geprägt. Er ist bislang sehr stark auf den Binnenmarkt ausgerichtet, aber die Ambitionen wachsen ebenso wie die Kompetenzen. Um Ihnen ein Bild aus unserem eigenen Sondermaschinenund Werkzeugbau zu geben: Wir konnten in den vergangenen Jahren immer mehr Kompetenz nach Indien holen – und dieser Prozess hält an. Arora: Sie diskutieren in Europa doch derzeit intensiv, wie Produktion und digitale Welt zusammenwachsen. Die IT-Kompetenz Indiens ist unbestritten – und die Produktionskompetenz ist u. a. durch multinationale Unternehmen wie Schaeffler auch vor Ort. Ist zu erwarten, dass Indien nicht nur eine Fabrik für die Welt wird, sondern hier auch eine starke Produktentwicklung entsteht? Arora: Wir sind bereits auf dem Weg dorthin. So haben wir 2014 die weltweite Entwicklungsverantwortung für kleine Motorräder und Traktoren innerhalb des gesamten Schaeffler-Konzerns übernommen. Damit folgen wir den Märkten: Mit rund 20 Mio. Einheiten ist Indien der weitaus größte Motorradmarkt der Welt. Und er wächst weiter. Das gleiche gilt für Traktoren mit 02 Rajendra Anandpara ist für alle Industrie-Aktivitäten von Schaeffler in Indien verantwortlich einer Leistung von bis zu 50 PS. Dabei ist wichtig zu verstehen, dass die indischen OEMs in beiden Fällen nicht nur auf den Heimatmarkt schauen, sondern mittlerweile global agieren. Eine Besorgnis ausländischer Investoren könnte die Qualifikation der Arbeitnehmer darstellen. Wie meistern Sie Ihr Personalwachstum? Arora: Zunächst einmal ist Indien ein junges Land. Anders als in vielen anderen Ländern, China eingeschlossen, steht der demographische Wandel ganz am Anfang. Darüber hinaus verfügt das Land über ein gutes Ausbildungssystem, auch für die Ingenieure und Facharbeiter, die wir so dringend benötigen. Anandpara: Wobei sich jedes Unternehmen schon darum kümmern muss, seine Angestellten und Facharbeiter laufend zu qualifizieren. Um hier auf dem gleichen technischen Stand zu arbeiten wie unsere Kollegen in Deutschland, haben wir einen umfangreichen Know-how-Austausch installiert. Denn es reicht nicht, hier einfach moderne Maschinen aufzustellen, die Menschen müssen auch damit umgehen können. Wie sieht die Geschäftskultur in Indien heute aus? Arora: Auch hier gab es in den letzten 25 Jahren große Veränderungen. Als ich begann, gab es noch kein Verständnis für Wertschöpfungsketten – jedes Unternehmen machte alles selbst. Strenggenommen gab es keine Ausrüster und keine Zulieferindustrie. Heute sind diese Branchenzweige gut entwickelt. Anandpara: Der indische Markt ist reif. Und die neue Regierung will verbleibende Investitionshindernisse, beispielsweise bei der Akquisition von Land oder der Einstellung von Arbeitnehmern beseitigen, ohne dass wir unsere demokratische Verfassung aufgeben. Sie sehen: Es lohnt sich, hier aktiv zu sein. www.schaeffler.de 03 Mit Kugellagern der Generation C setzt Schaeffler unter anderem auf die indische Zweiradindustrie antriebstechnik 4/2015 99

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