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antriebstechnik 3/2019

antriebstechnik 3/2019

Höher geht’s wirklich

Höher geht’s wirklich nicht! Industriegetriebe bewegen Rekord-Seilbahn Der Neubau der Seilbahn Zugspitze ist ein Projekt der Superlative. Die enorme Antriebsleistung für die teils extrem steile Seilbahn erfordert schwere Industriegetriebe: Zwei Exemplare der Baureihe X von SEW-Eurodrive treiben das Zugseil an, das die Kabine mit der Kraft einer ausgewachsenen Diesellokomotive auf 2 943 Meter Höhe hievt. Christian Rüttling ist Business Development Manager bei der SEW-Eurodrive GmbH & Co. KG in Bruchsal D rei Jahre Planung und drei Jahre Bauzeit waren nötig, um die Personenbeförderung von der Talstation am Eibsee auf die Zugspitze zukunftssicher zu machen. Die Betreibergesellschaft Bayerische Zugspitzbahn Bergbahn AG entschied sich für einen kompletten Neubau. Der Auftrag ging an die Schweizer Seilbahnfirma Garaventa, die 2002 mit dem österreichischen Seilbahnhersteller Doppelmayr fusionierte. Die Doppelmayr/Garaventa Gruppe hat bisher über 14 000 Seilbahnsysteme in mehr als 90 Ländern realisiert. Dennoch ist die neue Seilbahn Zugspitze ein herausragendes Prestigeprojekt, das gleich drei Weltrekorde bricht: Die einzige Stütze – in Stahlbauweise ausgeführt – ist mit 127 m die höchste ihrer Art. Zwischen Stütze und Bergstation überwindet die Bahn bisher nicht realisierte 3 213 m Seil, und die 1 945 m Höhenunterschied auf diesem Seilabschnitt sind ebenfalls weltweit einzigartig. So befördert die vollständig neu entworfene Pendelbahn seit Dezember 2017 bis zu 580 Gäste pro Stunde auf Deutschlands höchsten Berg. Kurz vor dem Gipfel wird der Anstieg der Seilbahn atemberaubend steil: Die bergfahrende Kabine überwindet eine Steigung von 104 %, gewinnt also auf jedem Meter Vorwärtsbewegung mehr als einen Meter an Höhe. Zeitgleich nähert sich die zweite Kabine der Talstation, die Bahn fährt also im Pendelbetrieb. Verbunden sind beide über eine Zugseilschleife, die in der Talstation angetrieben wird. Zwei je 900 kW starke Drehstrommotoren sind über elastische Klauenkupplungen von KTR mit je einem dreistufigen Stirnradgetriebe des Typs X3FS280 von SEW-Eurodrive verbunden. „Diese Leistung ist erforderlich, weil wir hier ein extremes Streckenprofil haben“, betont Projektleiter Markus Reichmuth von Garaventa. Hinter der Kupplung befindet sich jeweils noch eine Schwungmasse von fast einem Meter Durchmesser und gut 1 t Gewicht. Die Schwungräder sorgen für ein besseres Regelverhalten des Antriebssystems. Die daran anschließenden In dustriegetriebe mit je fast 6 t Gewicht haben jeweils ein Nenndrehmoment von 240 000 Nm und können eine Leistung von 1 024 kW übertragen. Sie werden von einem Öl-Luft-Kühler im definierten Temperaturbereich gehalten. Auf der Abtriebsseite 36 antriebstechnik 3/2019

SPECIAL I INTEGRATED AUTOMATION, MOTION & DRIVES 01 Die neue Seilbahn Zugspitze bricht gleich drei Weltrekorde und befördert jeweils 120 Personen auf 2 943 m Höhe 02 03 sorgt jeweils eine über 3 t schwere schaltbare Bolzenkupplung für den Kraftschluss mit den Seilrädern. Auf deren Rückseite kann über Zahnkupplungen ein Notantrieb eingreifen. Getriebe der Baureihe X von SEW- Eurodrive zeichnen sich durch ihre geräuscharme Verzahnung und hohe Wartungsfreundlichkeit aus. Das robuste Gehäuse der Baureihe ist in der Universalausführung umkehrbar und kann in allen Raumlagen verwendet werden. Die bei der Seilbahn Zugspitze verwendeten Horizontalgehäuse sind dagegen speziell für horizontale Anwendungen konzipiert. Ein weiteres Getriebe von SEW-Eurodrive ist in der Bergstation auf der Zugspitze in stalliert: Das dreistufige Kegelstirnradgetriebe vom Typ X3TH210 mit einem Nenndrehmoment von 90 000 Nm sitzt am Antrieb der Bergekabine. Diese könnte zur Bergung der Fahrgäste auf die Tragseile gesetzt werden, falls sich die beiden Kabinen der Seilbahn nicht mehr bewegen lassen. Das ist jedoch äußerst unwahrscheinlich, denn jeder der beiden Hauptmotoren sowie die beiden hydraulisch betriebenen Notantriebe könnten das Zugseilsystem notfalls auch allein antreiben. Die gewaltige, erforderliche Antriebsleistung erzeugen zwei Drehstrommotoren mit je 900 kW Nennleistung. Sie sind an ein 400-V-Mittelspannungsnetz angeschlossen. Bei einem Stromausfall können Diesel aggregate der 2 MW starken Netzersatzanlage die benötigte Leistung bereitstellen. Die Netzersatzanlage befindet sich in einem Nebenraum der Talstation und Video Ein interessantes Video über die Antriebstechnik der neuen Seilbahn Zugspitze finden Sie unter: www.antriebstechnik.de/Zugspitze 02 Im Falle einer notwendigen Bergung von Gästen zwischen Bergstation und Stütze kommt die Bergewinde für den Bergekorb zum Einsatz 03+04 Die Industriegetriebe haben jeweils ein Nenndrehmoment von 240 000 Nm und können eine Leistung von 1 024 kW übertragen 05 Peter Baumgartner, Industriegetriebespezialist bei Imhof (links), und Markus Reichmuth, Projektleiter bei Garaventa, sind stolz auf das Ergebnis ihrer Kooperation 04 05 wurde von Polyma installiert und in Betrieb genommen. Im Normalbetrieb beschleunigen die beiden Hauptmotoren und die Industriegetriebe der Baureihe X im Verbund das Gondelsystem auf bis zu 10,6 m/s – also knapp 40 km/h. Jede Kabine fasst bis zu 120 Fahrgäste und wird von jeweils zwei Tragseilen mit 72 mm Durchmesser und 145 t Masse gehalten. Die Tragseile haben eine Bruchlast von gut 600 t und wurden aus insgesamt 5 500 km Draht gefertigt. Die Seilbahn ist für Temperaturen bis – 30 °C zugelassen und fährt bis Windstärke 8. In rund zehn Minuten gelangen die Fahrgäste auf den Berg. Für den Hersteller Garaventa ist die neue Seilbahn Zugspitze ein Leuchtturmprojekt, ebenso für die Antriebsspezialisten von SEW-Eurodrive in Bruchsal, die in der Schweiz von der Generalvertretung Alfred Imhof AG vertreten werden. „In letzter Zeit hat sich die Kooperation mit der Imhof AG verstärkt“, berichtet Projektleiter Markus Reichmuth. „Preis- und Leistungsverhältnis sowie Termintreue stimmen – und die Zusammenarbeit funktioniert sehr gut.“ Imhof-Industriegetriebespezialist Peter Baumgartner ergänzt: „Die Seilbahn auf die Zugspitze wird ihren Platz in den Geschichtsbüchern finden. Ein solches Projekt ist mehr als eine hervorragende Referenz – es ist ein Meilenstein!“ Fotos: SEW-Eurodrive www.sew-eurodrive.de/x-getriebe antriebstechnik 3/2019 37

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