Aufrufe
vor 1 Monat

antriebstechnik 12/2019

antriebstechnik 12/2019

BERÜHRUNGSLOS WIRKENDE

BERÜHRUNGSLOS WIRKENDE SCHUTZEINRICHTUNGEN DIESE PRÜFANFORDERUNGEN SOLLTEN SIE KENNEN Optoelektronische Schutzeinrichtungen wie Lichtvorhänge und Laserscanner müssen regelmäßig getestet werden. Die bisweilen arbeitstäglichen Kontrollen ersetzen jedoch nicht die gesetzlich vorgeschriebenen, wiederkehrenden Prüfungen. Diese sind weitaus umfangreicher und technisch anspruchsvoller. STAND DER TECHNIK FESTSTELLEN Zuerst werden die Einbaubedingungen und der technische Zustand genau untersucht. Es gilt festzustellen, ob die Sensoren der BWS in der zur Inbetriebnahme festgelegten Position sicher montiert sind oder ob sie verändert, manipuliert oder beschädigt wurden. Des Weiteren wird kontrolliert, ob die BWS den Arbeitsablauf beeinträchtigt. Anschließend müssen die Geräteparameter validiert werden. Der Nachlauf der Maschine bei einem Not-Halt ist mit einer kalibrierten Messung zu ermitteln. Wenn die Zeit vom Auslösen der Schutzeinrichtung bis zum tatsächlichen Stillstand der Maschine nicht den Herstellerangaben oder den ursprünglich gemessenen Werten entspricht, muss die Anlage ggf. neu eingestellt werden und der Betreiber eine neue Gefährdungsbeurteilung erstellen. Entscheidend ist, ob der berechnete Sicherheitsabstand auch bei maximaler Nachlaufzeit ausreicht. Weitere Kriterien: Ist eine funktionierende Wiederanlaufsperre vorhanden, die verhindert, dass Personen die BWS hintergehen? Oder ist der Gefahrenbereich auf einem anderen, nicht abgesicherten Weg zugänglich? Wie nimmt die Maschine den Betrieb wieder auf, nachdem sie von der Schutzeinrichtung angehalten wurde? In der Produktion oder der Intralogistik bieten berührungslos wirkende Schutzeinrichtungen (BWS) viele Vorteile gegenüber trennenden Schutzeinrichtungen. Wie die Technik sind jedoch auch die Prüfanforderungen der Systeme komplexer und umfangreicher. Betreiber sollten ihre Pflichten und Fristen kennen. Tüv Süd erläutert, welche Besonderheiten dabei zu beachten sind. Pascal Staub-Lang, M.Sc., ist Leiter Kompetenzzentrum Maschinensicherheit bei der Tüv Süd Industrie Service GmbH in St. Ingbert KENNZEICHNEN UND PROTOKOLLIEREN Allein der Prüfumfang verlangt bereits Sachkenntnis. Besondere Aufmerksamkeit erfordert jedoch auch die Dokumentation der Prüfungen. Hier kommt es bisweilen zu Ungenauigkeiten. Damit das Prüfsiegel seine Gültigkeit behält und nachfolgende Prüfungen nicht unnötig erschwert werden, ist es wichtig, dass der Prüfer festhält, auf welche gefahrbringenden Bewegung sich die Messung bezieht. Sinnvoll ist auch, die Messergebnisse einheitlich zu dokumentieren und vor Ort sichtbar zu machen. Außerdem muss das Prüfsiegel eindeutig angebracht werden, damit es nicht versehentlich auf andere Maschinenteile angewendet wird. Der Betreiber sollte darauf achten, dass die Prüfprotokolle wie auch die Herstellerdokumente vollständig vorliegen. 12 antriebstechnik 2019/12 www.antriebstechnik.de

SENSORIK UND MESSTECHNIK ALLE UMSTÄNDE BERÜCKSICHTIGEN Gerade bei der Nachlaufmessung kommt es auf exakte Messgeräte und technisches Know-how an. Aus manchen Funktionen und Einbausituationen folgen besondere Herausforderungen – so etwa bei Fahrerlosen Transportsystemen (FTS). Hier helfen BWS Kollisionen zu verhindern, indem sie Personen, Gegenstände oder andere FTS in ihrer Umgebung erkennen. Die Nachlaufzeit, die bestimmt, wie weit sich das FTS bewegt, nachdem es angehalten wurde, ist nicht immer konstant. Der Bremsweg hängt von äußeren Bedingungen ab, wie dem Zustand des Bodenbelags, bei Fahrzeugen, die im Freien eingesetzt werden auch dem Wetter und unter Umständen der Beladung. Hinzu kommt, dass für vergleichbare Werte die Messinstrumente immer exakt gleich zum FTS positioniert werden müssen. Ebenfalls eine Besonderheit bei der Prüfung sind Förderbänder. Eine Gefahr kann sowohl von sich bewegenden Teilen der Anlage selbst wie auch vom Transportgut ausgehen. Letzteres ist auf einem Förderband häufig nicht fixiert und kann bei einem plötzlichen Stopp, je nach Masse und Oberflächenreibung, unkontrolliert verrutschen. Zielt die Schutzwirkung auf diese Bewegung ab, können sich verschiedene Messwerte ergeben und die Nachlaufzeit lässt sich unter Umständen nicht verlässlich bestimmen. SPEZIELLE FUNKTIONEN KÖNNEN PRÜFANFORDERUNGEN ERHÖHEN Auch bei standardmäßigen Einbausituationen können spezielle Funktionen der BWS, wie etwa ein Muting, die Prüfanforderungen erhöhen. Ein solcher Betriebsmodus setzt die Sicherheitsfunktion für eine begrenzte Zeit außer Kraft. Das kann sinnvoll sein, wenn etwa Werkstücke in den Sicherheitsbereich oder durch diesen hindurch transportiert werden. Ist der Mute-Modus aktiv, muss die Sicherheit auf andere Weise gewährleistet sein. Der Prüfer muss feststellen, ob diese Schutzmaßnahmen ausreichen und ob die BWS nach dem Pausieren wieder in den ordentlichen Betriebsmodus wechselt. BWS müssen nicht von Herstellern oder externen Dienstleistern geprüft werden. Häufig ist es aber wirtschaftlicher, wenn das durch Spezialisten geschieht, die die nötigen Qualifikationen mitbringen. Tüv Süd Industrie Service unterstützt Unternehmen herstellerunabhängig rund um Prüfungen und die funktionale Sicherheit. BWS RICHTIG NUTZEN Schutzeinrichtungen wirken durch die physische oder zeitliche Trennung von Person und Gefahrenquelle. BWS halten gefährliche Bewegungen oder Funktionen an und versetzen Maschinen in einen sicheren Zustand bevor Personen gefährdet werden. Sensoren überwachen dazu den Gefahrenbereich und schalten die gefahrbringende Funktion bei Zugang oder Eingriff ab. Mittlerweile haben sich optoelektronische Schutzeinrichtungen wie Lichtvorhänge, Lichtschranken, Laserscanner und kamerabasierte Systeme durchgesetzt. Einen klaren Vorteil bieten BWS, wenn Bediener häufig in den Gefahrenbereich einer Maschine eingreifen. Dadurch, dass sie nicht – wie eine trennende Schutzeinrichtung – manuell betätigt werden müssen, unterstützen sie die Arbeitsergonomie und sparen Zeit. Zusätzlich schützen sie umstehende Personen, was gerade bei kollaborierenden Robotern hilfreich ist. Anders als bei einer Schutzhaube oder einem -zaun ist die Sicherheitsfunktion von BWS nicht sicht- oder spürbar. Mithilfe eines Prüfkörpers kann der Bediener einer Maschine jedoch feststellen, ob die BWS ordnungsgemäß auslöst und den gefahrbringenden Zustand der Anlage anhält. Wie genau und wie häufig die Geräte getestet werden sollen, gibt der Hersteller meist schon in der Bedienungsanleitung an. In der Regel nehmen eingewiesene Bediener die Tests selbst vor. BWS bieten keinen Schutz vor herausgeschleuderten Teilen, Werkstücken oder Spänen, ionisierender Strahlung, Hitze, Lärm oder verspritztem Kühl- oder Schmiermittel. Auch bei Maschinen mit langen Nachlaufzeiten (z. B. durch große Massen oder hohe Geschwindigkeiten), die nicht realisierbare Mindestabstände erfordern, können sie nicht eingesetzt werden. Hier sind trennende Schutzeinrichtungen mit Verriegelung nötig. Fotos: Sick AG www.tuev-sued.de BWS halten gefährliche Bewegungen oder Funktionen an und versetzen Maschinen in einen sicheren Zustand bevor Personen gefährdet werden DIE IDEE „Arbeitgeber sind verpflichtet, die Sicherheit ihrer Angestellten zu gewährleisten. Für Maschinen muss der Betreiber deshalb, vor der ersten Inbetriebnahme, eine Gefährdungsbeurteilung erstellen und die Anlage inklusive der Schutzeinrichtungen prüfen lassen. BWS müssen nicht von Herstellern oder externen Dienstleistern geprüft werden. Häufig ist es aber wirtschaftlicher, wenn das durch Spezialisten geschieht, die die nötigen Qualifikationen mitbringen. Tüv Süd Industrie Service unterstützt Unternehmen rund um Prüfungen und die funktionale Sicherheit.“ Pascal Staub-Lang, Leiter Kompetenzzentrum Maschinensicherheit, Tüv Süd Industrie Service GmbH www.antriebstechnik.de antriebstechnik 2019/12 13

Aktuelle Ausgabe

Aktuelle Ausgabe