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antriebstechnik 10/2017

antriebstechnik 10/2017

KUPPLUNGEN UND BREMSEN

KUPPLUNGEN UND BREMSEN Sichere Talfahrt am stählernen Tau Bremsensteuerungssystem in Seilbahn-Anlage als Lösung für das Notstopp-System Ein neues Bremsensteuerungsund -überwachungssystem wird zum Dreh- und Angelpunkt des Sicherheitskonzepts einer schienengeführten Wagenzug-Anlage an der Adlerschanze in Hinterzarten. Die Herausforderung: In Seilbahnen und Sesselliften dürfen nur personensichere Bremssysteme zum Einsatz kommen, die der Seilbahnrichtlinie der EU entsprechen. Lesen Sie mehr. Michael Stöcker ist technischer Fachjournalist aus Darmstadt Mit Sicherheitsfragen im Seilbahnbau kennt sich Stefan Eberhardt aus. Denn als Entwicklungsingenieur der Josef Wiegand GmbH mit Sitz im osthessischen Rasdorf hat er bereits viele Seilbahn-, Skilift- und Cable-Car-Projekte federführend begleitet. Auch als die Schwarzwald-Gemeinde Hinterzarten eine neue Berg- und Talbahn für den Personentransport an ihrer traditionsreichen Adlerschanze suchte, wurde er mit der Anfrage konfrontiert. Neben grundlegenden Anforderungen an die Ökologie standen bei diesem Projekt die möglichst einfache Bedienung, ein hoher Automationsgrad sowie ein hoher Sicherheitsstandard im Pflichtenheft. Als ideale Wachablösung für die veraltete Sesselbahn der Adlerschanze erwies sich schließlich das Produkt Wie-Li aus dem Programm von Wiegand. „Unser Pendel-Wieli ist eine Zugseil- Lösung, bei der ein Wagenzug über Schienen bergauf und bergab fährt. In Hinterzarten besteht dieser Zug aus vier gekoppelten Wagen, der bis zu 24 Passagiere mit einem Tempo von bis zu 2,4 m/s eine Höhendifferenz von 80 m erklimmen lässt“, erklärt Eberhardt. 24 antriebstechnik 10/2017

Große Winden, mächtige Scheiben Zu den wichtigen Systemkomponenten der neuen und inzwischen in Betrieb genommenen Pendelzug-Anlage gehören neben den offenen Wagen mit jeweils sechs Sitzplätzen und der 200 m langen Schienenstrecke eine Berg- und eine Talstation sowie ein technischer Kommandostand. Das Herzstück des fahrdynamischen Geschehens bildet die bergseitige Windenantriebsstation mit ihren zwei großen, von einem 55-kW-Motor angetriebenen Seilwinden und ihrem Bremssystem. Von hier aus wird der 14 m lange und bei Vollbesetzung fast fünf-Tonnen-schwere Wagenzug gefahren und gesteuert. Das bedeutet, er wird von den beiden Trommelwinden über zwei redundante Stahlseile bergauf gezogen und von einem personensicheren Bremssystem bergab verzögert und gestoppt. Eberhardt: „Wir müssen als Hersteller eine Bremsanlage einsetzen, die die Sicherheitsbestimmungen der EU-Richtlinie 2000/9/EG erfüllt. Dabei findet die Auswahl der Komponenten so statt, dass der entsprechende Zertifizierungsprozess möglichst einfach zu realisieren ist. Die EU-Konformität der Anlage wird durch die Zertifizierung einer benannten Stelle nachgewiesen.“ Auf dem Weg zur Zertifizierung Im Vorfeld des Adlerschanzen-Projekts waren Eberhardt und sein Entwickler-Team bereits auf ein Bremssystem aufmerksam geworden, das ihnen wie geschaffen erschien für die Umsetzung komplexer sicherheits- und automatisierungstechnischer Anforderungen: Das Bremsensteuerungs- und -überwachungssystem BCS 600 von Ringspann. Das Bad Homburger Unternehmen ist einer der führenden Hersteller von Industriebremsen und bietet mit dem BCS 600 eine Komplettlösung für die automatisierte und präzise Steuerung hydraulisch betätigter oder hydraulisch gelüfteter Bremsen an. „Dieses System aus Steuereinheit mit integriertem Hydraulikaggre- gat und den Industriebremsen von Ringspann hatte uns sofort überzeugt, denn es erschien uns als Ideallösung für das Notstopp-System unseres schienengeführten Wie-Li. Es gab allerdings einen Wehrmutstropfen: Es hatte noch keine spezielle EU-Seilbahn-Zulassung“, so Eberhard. Was für andere Bremsenhersteller ein Ausschlusskriterium gewesen wäre, entpuppte sich für Ringspann nur als kleine Hürde. Denn das BCS 600 wurde insbesondere auf der Basis des im Unternehmen über Jahrzehnte gewachsenen Know-hows in der Fahrkorbtechnik, in der Bergbau-Fördertechnik und in der Rolltreppentechnik entwickelt. „Das heißt, es ist hier sowohl Ingenieurwissen aus der Personenbeförderung als auch aus der Zugseil- und Seilwindentechnik mit eingeflossen. Für uns war es daher einfach, bei der Zertifizierung der Bremsanlage die notwendige Unterstützung zu bieten“, erläutert Franz Eisele, der bei Ringspann die Sparte Bremsen und Kupplungen leitet. Beschleunigt durch den administrativen Support und den Knowhow-Transfer mit dem Entwicklungsteam von Wiegand konnten Franz Eisele und seine Bremstechnik-Spezialisten rasch alle Anforderungen umsetzen, die für die Zertifizierung nach der EU-Seilbahn-Richtlinie nötig waren. Damit war der Weg frei für den Einsatz des Bremssystems im Sicherheitskonzept der Wieli-Anlage an der Adlerschanze. Vier Bremsen mit verschiedenen Aufgaben Insgesamt sind vier Bremsen, die für das fahrdynamische Geschehen des Pendelzugs verantwortlich sind, im Einsatz. Während für den allgemeinen Fahrbetrieb (Bergauf, Bergab, Stillstand) eine elektrische sowie eine elektromechanische Bremse zuständig sind, bilden zwei federbetätigte und hydraulisch gelüftete Scheibenbremsen des Typs HW 075 FHM das Sicherheits- bzw. Notstoppsystem der Wieli-Anlage. Sie entfalten ihre Klemmkräfte von bis zu 40 kN jeweils an SERVOFLEX DIE PERFEKTE SERVOKUPPLUNG Die Servoflex ist auf die anspruchsvollen Anforderungen moderner Servomotoren entwickelt. Bremsen-Technologie für viele Branchen Der Einsatz des BCS 600 von Ringspann in der Seilbahn-Anlage von Wiegand ist eigentlich ein Sonderfall, zeigt aber die enorme Leistungsfähigkeit dieses Systems zur Steuerung und Überwachung hydraulisch betätigter oder hydraulisch gelüfteter Bremsen. Denn eine Vielzahl von Optionen und Einstellmöglichkeiten eröffnen dem BCS 600 – über die klassische Fördertechnik hinaus – viele weitere Einsatzgebiete. Anspruchsvolle Bremsvorgänge im Bereich der Prüftechnik lassen sich damit ebenso zuverlässig realisieren wie die permanente Überwachung komplexer Industrieanlagen. Das BCS 600 kann auch auf druck- oder bremsmomentgesteuerte Regelung zurückgreifen, und bietet zudem die einzigartige Möglichkeit, variable Drehmomentkurven vorzugeben – hierbei regelt das Bremssystem über die gemessenen Drehmoment- oder Kraftwerte entlang der variablen Kurve und ermöglicht völlig freie Prüfmomentverläufe. Eine Funktion wie man sie von Torquemotoren kennt, nur mit fast unbegrenzter Drehmomentkapazität. Bei alledem unterstützt die übersichtliche Programmdarstellung die einfache Bedienung des Systems. Dynamische Antriebsaufgaben mit häufigem Start-Stopp- und Reversierbetrieb, bei denen eine absolute Positioniergenauigkeit im Vordergrund steht, sind ihr Metier. SCHMIDT-KUPPLUNG GmbH www.schmidt-kupplung.com

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